„Kauf doch Lavazza“ – 60 Jahre Longchamp

Interview mit Hebba Bakri, Direktorin und Eigentümerin des Hotels Longchamp in Kairo, geführt am 8. November 2013 von Marcel

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Wir sitzen hier auf der Veranda, 5. Etage, mitten in einer sehr urbanen Umgebung auf der Nilinsel Zamalek, aber sehr ruhig. Was ist Longchamp heute?

Heute ist Longchamp eine Institution in Kairo. Mit Höhen und Tiefen. Wir sind ein kleineres Hotel mit 48 Betten mit 21 Zimmern. Mit 24 Angestellten. Viele Gäste der letzten 12 Jahre haben das Hotel als Oase bezeichnet. Ich habe Glück, in dieser Oase zu arbeiten.

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Wie fing es an?

Begonnen hat es vor 60 Jahren. Die letzten 12 Jahre gehen auf meine Kappe, die restlichen gehen auf die Kappe meiner Mutter. Der Name meines Hotels kommt vom Hippodrome de Longchamp in Bois de Boulogne in Paris, also eine Pferderennbahn. Hier in Zamalek war im Sportclub Gezeira das Pferderennen zu Hause, also in den dreißiger Jahren, noch zur Königszeit. Bis heute gibt es Freitag und Samstag Pferderennen, nur wird nicht mehr gezockt.

60 Jahre Veränderung?

Meine Mutter hatte diese Räumlichkeiten 1953 zunächst nur im Mai und September gemietet. So fing es an. Viel Veränderungen, ja, das meiste ist aber so geblieben. Als ich es 2002 übernahm, war es nur ziemlich heruntergewirtschaftet, die letzten Jahre konnte meine Mutter nicht mehr so gut. Ich bin dann aus Deutschland zurückgekommen. Ich habe mit viel Schulden geerbt, heute bin ich schuldenfrei.

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Wie war der Wechsel?

Sehr groß. Der Kulturschock war enorm. Bis heute habe ich noch meine Probleme. Die Arbeitsmoral. Die Einstellung, Dienstleister zu sein. Es ist natürlich auch schwierig, als Frau als der Abnehmer, Unternehmer zu sein. Ich schockiere immer mein Personal, Team, was heute Team geworden ist. Gestern hatte ich zum Beispiel einen Engpass an Kellnern, ich wollte einen einstellen, und da habe ich ihn gefragt: Bist zu bereit „zu servieren“,, wie es im arabischen heißt, „als Diener“ zu arbeiten, to serve, und da hat er nicht antworten können. Es ist etwas minderwertiges. Er war mit einem tollen Lächeln gekommen, wollte sich positiv darstellen. Als Frau muss ich mich durchsetzen. Dabei versuche ich ihre Sprache zu sprechen.

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Ein kleines Hotel in Kairo. Wie viele Betten bietet die Stadt?

Es sind 180,000, dabei wollte der letzte Tourismusminister für weitere 120,000 Betten Hotels bauen lassen. Aber es gibt keinen Tourismus mehr. Es kommen bei mir, wo es noch läuft, immer noch Stammgäste, wenn auch weniger. Darauf habe ich mich konzentriert, nicht ein Touri-Hotel zu sein, sondern als Gäste Journalisten, Diplomaten, Short Term Experten, GIZler, EU-Projektler und Archäologen zu haben. Das spricht sich herum. Auf der Feier waren zum Beispiel vier Botschafter da, Estland, Deutschland, Österreich, die Schweiz. IMG_4141

Entsprechend sitzen die Leute abends zusammen. Wir sind ein Treffpunkt. Und nicht der große Garten des Marriot.

Rückblende. Du bist in Kairo aufgewachsen?

Bis zu meinem 18. Lebensjahr war ich hier, dann ging ich nach Deutschland. Das war noch ein anderes Kairo, weniger Leute und Autos auf der Straße, man war dankbarer, freundlicher. Es gab nicht diese Unterwürfigkeit. Heute sind zu oft Nebengedanken im Spiel. Aber nicht durchgehend. IMG_4161Der harte Kern hier ist so etwas wie eine Familie geworden.

Was heißt in Kairo „Familie“?

Zum Beispiel Ali. Er hat vor 13 Jahren als Kellner angefangen. Die ersten 5 Jahre kam er immer zu spät. Ich war immer vor sechs da, er kam um sieben. Heute ist er meine rechte Hand, er geht in die Küche, kellnert, er macht aus sich was. Ich schicke ihn auch auf Workshops, er geht zu Veranstaltungen des Federation for Tourism. Ich habe ihn gefördert, er gibt zurück.

Somit auch Orientierung für andere?

So funktioniert es.

Du arbeitest zu viel.

14 Stunden Tag.

IMG_4172Man macht sich Sorgen.

Ach das finde ich aber nett. Sagt mir niemand, aber gut, dass ich es jetzt weiß. Es ist ja nicht umsonst. Schließlich habe ich eine Aufgabe. So etwas wie andere zufrieden zu machen. Auch wenn ich so etwas wie die Seele des Hotels bin, jeder ist ja auch austauschbar. Das vermittle ich dem Team. Alles hat seine Zeit. Ich möchte das Ende selbst bestimmen. Ich kann mir vorstellen, irgendwann wieder nach Deutschland zu gehen.

IMG_4174Wie ist Dein Kontakt zu Deutschland?

Ich lese täglich die Nachrichten, schaue Morgenmagazin, dann weiß ich auch dass es schneit und dass Gäste ein Problem haben können zu kommen. Ich führe einen zweiten Haushalt in Deutschland, denn ich muss ab und an hier raus.

Und zu Ägypten?

Zum Beispiel bekomme ich jeden zweiten Tag Behördenbesuche, die örtliche Polizei, städtische Polizei, Touristenpolizei, Gesundheitsamt, von der Provinzregierung. Manchmal mache ich Catering. Da bleibt wenig für das persönliche Leben übrig. Und dann Tage wie letzten Freitag. Ein Todesfall eines engen Freundes. Kurz nach dem ich davon erfahren hatte, hatte ich einen Wasserrohrbruch. Der Hausmeister nimmt nicht ab, mein Computer ist abgestürzt. Ein Gast beschwert sich über einen alten Apfel in seinem Zimmer. Ein anderer Gast findet seinen Ring nicht mehr. Dann finde ich ihn auf seiner Rasierseife. Das Frühstück habe ich dann abgesagt. Dabei war das noch nicht alles.

IMG_4176Ziemlich schlechter Tag. Aber das Longchamp funktioniert.

Ja. Beispiel: Ich muss dafür sorgen, immer deutschen Kaffee hier zu finden, morgens zum Frühstück, so banal es ist. Gibt es aber nicht auf dem Markt. Dann sagte jemand, dann gibt’s halt keinen Kaffee mehr. Kauf doch, na, Lavazza. Dafür habe ich aber keine Maschine, ich will, dass sich jeder einfach einen Kaffee von der Karaffe nehmen kann. Deutscher Kaffee ist halt deutscher Kaffee.

IMG_4167Zwei sogenannte „Revolutionen“. Was hat sich geändert?

Gravierend. Ich sehe es mal von der positiven Seite, dass Menschen jetzt offen, also öffentlich mitreden dürfen. Aber das ist Prozess, das hat niemand gelernt. Die Kehrseite: Nicht jeder, der redet, hat wirklich etwas zu sagen. Aber was aufgebaut wurde, verfällt, immer drastischer. Es wird Jahre dauern, das wirtschaftlich wieder aufzuholen. Ich muss sagen, ich bin skeptisch.

Wie steht es um die Sicherheit? Darüber wird ja in Deutschland gerätselt.

Das Problem ist, dass es viele Menschen auf der Straße sind, aber die Polizei ist nicht präsent. Aber man sieht wieder die Krallenjäger, die Touristenpolizei ist wieder aktiv, an der Spitze ist ein neuer Mann. Man will neue Evakuierungspläne machen. Natürlich haben viele Angst. Es wird kommen, ich habe einen langen Atem. Das Land lebt auch von solchen Experten, die kommen und helfen.

IMG_4159Weitere Hinweise und Bilder unter

http://www.hotellongchamps.com/

Zu Gast bei Mohamed Helal

Es ist die schönste Zeit in Ägypten, wenn es nach dem Obst geht. Es ist die Zeit der Mangos. Limetten werden einem nachgeschmissen, Melonen, Pfirsische, Pflaumen, Orangen gibt es, wahlweise frisch oder versaftet. Angebaut wird in den Oasenplantagen rund um Kairo, freilich auch im Nildelta.

Mangos am BaumIch bin  mit Mohamed Helal verabredet, einer der Pioniere des biologisch orientierten Anbaus in Ägypten.  Am frühen Morgen geht es los in Richtung Wadi Natrun, rund 20 Kilometer außerhalb Kairos. „Dieses Fleckchen Erde hat Jesus geküsst“, sagt Mohamed auf der Hinfahrt. Und er bekräftigt:  „Wirklich, es ist sogar überliefert“. Mohamed ist Muslime, ich bin mir unsicher, wie ernst es gemeint ist. Mit dem Anbau aber meint er es ernst. 20 verschiedene Mangosorgen will er mir zeigen. Mir war bislang nicht klar, dass es überhaupt mehr als zwei gibt, eine kleinere und die großen halt.

Die Plantage ist einige Hektar groß. Kreuz und quer geht es durch die Baumkulturen. Mangobasket 2Immer wieder kreuzt er die Sorten, um besseres zu züchten. Er ist sichtlich stolz, einer der ersten Agrarökonomen zu sein, der hierzulande biologisch und nachhaltig anbaut. Keine Pestizide, natürlicher Dünger und sehr viel Pflege.

Worker 125 Bauern kümmern sich um die Bewirtschaftung und und Ernte. „Die Pflege der edlen Bäume ist das aller wichtigste“, sagt er und bricht einige verdorrte Zweige von seiner letzten Mangozüchtung (siehe Bild unten). „Ich habe die Arbeiter nach meinem Studium persönlich ausgebildet“, berichtet er.

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Mohamed Helal, 61, vor einer Mango Neuzüchtung, gekreuzt aus einer ägyptischen und einer in Australien wachsenden Sorte

Der Wein ist bereits abgeerntet, die Dattelernte steht unmittelbar bevor. Die Dattelpalmen tragen schwer mit der Frucht, insgesamt dürften hier einige Tonnen zu ernten sein.

Datteln u Workers 1Limonen, Limetten und 8 Sorten Datteln, darunter einigte besonders edle, zeigt er mir auf seiner ersten und kleinsten von insgesamt drei Plantagen. Die Früchte werden aufwändig veredelt, konserviert, exportiert, vielleicht um auf deutschen Adventstischen vernascht zu werden.

„Am liebsten würde  ich genau hier, inmitten meiner ersten Plantage leben. Hier lebt man noch nach anderen Gesetzen. Ich bin der Sheikh in dieser Region, derjenige, der im Falle von Streitigkeiten vermittelt und am Ende entscheidet. Ach, ich weiß es nicht, im Moment ist es nicht so weit, es geht uns in Zamalek nicht schlecht.“

Ahmed, der die Farm in seiner Abwesentheit leitet, gibt Mohamed gerade geerntete Limetten. Ich kann es nicht verhindern, doch eine ganze Kiste Obst geht mit nach Heliopolis.

Worker 4Es war nur wenige Tage nach den Gewaltexzessen, als wir fuhren. Inzwischen ist es ruhiger geworden in Kairo. Die harte Hand der Generäle zeigt Wirkung. Aber das Militär zeigt Präsenz. Wir passierten eine Panzerkolonne, immer wieder stehen gepanzerte Fahrzeuge mit schussbereiten MGs am Straßenrand. Ein offenes Gespräch entwickelt sich.

Mohamed ist konservativ, kennt führende Militärs persönlich und versuchte mir immer wieder deutlich zu machen, dass es gar keine Alternative gegeben habe als unerbittlich vorzugehen. Für ihn sind die „Brotherhood“ einfach Faschisten. Was ich gesehen habe, gelesen, aus vielen Gesprächen erfahren, deckt sich nicht mit seiner Wahrnehmung. Falls es überhaupt um Wahrnehmung geht. Medienvielfalt und wahrheitsgetreu recherchierte Berichte sind hier, in diesen Zeiten, Mangelware.

Stilleben im Zentrum der Plantage

Stilleben im Zentrum der Plantage

Mohamed wollte eigentlich nur kurz an seiner Plantage halten und gleich weiterfahren. Doch wir blieben zwischen Früchten, Palmenalleen und seinen wissenschaftlichen Anbaumethoden hängen, inspizierten Wasserbrunnen und Taubenhäuser zwischen Rebenanbau.

Taubenhaus und Wein Doch nicht als Biobauer hat sich Mohamed einen Namen gemacht. Vielmehr ist er ist bekannt als der „Mister Energie Efficient“ Ägyptens. Mit seiner Firma „Futek Egypt“ ist Mohamed Helal der landesweit größte Hersteller energieeffizienter Lampen und Leuchtmittel, noch vor Philips.  Um die Mittagszeit fahren weiter nach Sadat City, wo er mir seine Fabrik und sein Forschungslabor zeigen will, bereit für das nächste Shooting … aber nur Fotos! … doch mehr davon in einem späteren Beitrag.

Eine neue Zeit(rechnung)

Lieber Leser,

hatte das vorläufige, aber plötzliche Ende der Beitragsflut mit den politischen Ereignissen zu tun? Die Vermutung liegt nahe. Aber weit gefehlt. Am 30. Juni, also dem besagten Tag der einjährigen Mursi-Herrschaft, haben wir Ägypten verlassen. Sommerferien! So konnten wir die Ereignisse in Ägypten auch nur aus der deutschen und schwedischen Ferne verfolgen. Freilich hätte eine Canoe-Tour den mittelschwedischen Klarälven hinab und Wandern mit Blaubeersammeln kaum in den Blog gepasst.

Eher ein Bild von der Ferne imGolf von Aqaba, irgendwo zwischen Nuweiba und Taba an einem einzigartig schönen Ort namens Basata, wo wir gemeinsam die letzte Woche in Ägypten verbrachten.

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Blick über den Golf von Aqaba 40 km südlich von Taba

Eine seltsame Koinzidenz, dass der Abschied mit dem Fall Mursis einher ging, somit wir eben jenes Musri Jahr miterlebten, mitbegleiteten mit dem Blog, freilich aus einer Positision des Zaungastes.

Hassan-Fathy-Häuser in Basata, unsere "Ferienwohnung"

Hassan-Fathy-Häuser in Basata, unsere „Ferienwohnung“

Inzwischen bin ich, Marcel, nach Kairo zurückgekehrt, in ein gleiches wie auch gewandeltes Land, ein gestresstes Land, in dem die einen befreit aufathmen und die anderen – auch unweit meiner neuen Wohnung in Heliopolis – täglich demonstrieren und ihre Parolen nach Wiedereinsetzung skandieren. Ein tiefer Riss geht durch die Gesellschaft, mitten durch Familien hindurch, trennt Freundschaften. Dazwischen gibt es wenig, wie viele Gespräche in den vergangenen Tagen, nicht zuletzt bei geselligen Iftar-Get-Togethers (den traditionellen Fastenbrechen-Festen) ergeben.

Was mag auf dem Sinai vor sich gehen?

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Blick ins Sinai

Hier sind inzwischen alle Straßen nach Basata geschlossen, weil die Armee gegen angebliche Kriminelle und Terroristen vorgeht. Es folgen Bilder, die davon zeugen, wie rasch in dieser Region Vergangenheit in erschreckende Endgültigkeit hinübergeht. Nichts wird sein wie zuvor.

Doch das Experiment, das ein deutsch-ägyptisches Ehepaar mit dem etwas anderen Sinaiurlaub verbindet,währt bereits gut 25 Jahre, und schon wieder wird gebaut und gebastelt.

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Verspielte Architektur mit Durchblick

Blick auf dem offenen Aufenthaltraum auf den Golf und die Berge Saudi Arabiens

Der offene Umgang mit den Gästen, das Licht, die Gesamtanlage hinterlassen einen bleibenden Eindruck.  Wir pendelten zwischen zwei Welten, dem über und dem unter dem Wasser.

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In Basata herrschte Stille.

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Innenräume sind durchweg individuell gestaltet und verschieden

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Sherif, der Gastgeber, in traditioneller Beduinenkluft

Mit diesem 99. Beitrag herrscht im Blog Stille.

Zunächst.

Liebe Leser, ihr habt das Wort.

Schauplatz Marriott

Bühne frei für die Konferenz-Diplomatie im Marriott Hotel auf der Nil-Insel Zamalek. Der Ort ist gut gewählt. Errichtet wurde er einst als Gezirah Palace von französischen Architekten nach dem Vorbild von Versailles. Schließlich sollten sich das Kaiserpaar Eugénie und Napoléon III zur Einweihung des Suez-Kanals 1869 wie zu Hause fühlen.

Kaminzimmer mit  Partraits von Eugénie und Napoléon III

Kaminzimmer mit Portraits von Eugénie und Napoléon III

Auch heute gilt es hier, Investoren für Groß-Projekte in Ägypten zu umgarnen, saudische Wirtschaftsdelegationen zu verwöhnen oder dem Internationalen Währungsfonds nahe zu bringen, wie sehr Ägypten bestrebt ist, die Subventionen für fossile Brennstoffe abzubauen und die Rahmen-Bedingungen für erneuerbare Energien zu verbessern. Das alles sind „very important issues“ – darin sind sich die Podiums-Teilnehmer einig. Auf Einladung des Think-Tanks für die Privatwirtschaft „Global Trade Matters“  dürfen wir nun schon zum zweiten Mal an einer solchen Inszenierung teilnehmen.

Selbstbespiegelung im VIP Raum

Selbstbespiegelung im VIP Raum

Wir streben gerade der weich gepolsterten Tee- und Törtchen-Pause entgegen, da erhebt sich wieder der Ex-Mineral-Minister in der ersten Reihe.  Auch diesmal ist es nur eine persönliche Stellungnahme, wie er einleitend betont. Es folgt ein mehrminütiger Monolog. In dessen Verlauf nimmt das Gesicht des Moderatoren zunehmend verzweifelte Züge an, da sie nicht entsteht – die Lücke, in die er springen kann.

Dabei hat der Mann recht. Warum hat er es nicht auf das Podium geschafft? Sitzen doch dort nur die Stellvertreter von Ministern – neben wenigen Exoten aus anderen Lebensbereichen wie Projekten, Unternehmen und Hochschulen. Während er ein richtiger Minister war. Doch nach einem Vormittag prall gefüllter Podien, die schon jedem Redner nur den Raum zur Selbstdarstellung ließen, und angesichts der Pause, ist die Aufnahmefähigkeit begrenzt. Da fallen auch die Fragen aus dem Auditorium unter den Tisch, derentwegen sich das Ausharren sogar gelohnt hätte. 

Den Nachmittag schenke ich mir und mache lieber ein paar Fotos off-stage.

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Von Luxor nach Assuan

Rückblick April. 6503--Bh-Lux-3-Männer

Fotos aufarbeiten einer Fahrt, die Spuren hinterläßt, die Fahrt nach Assuan.

6510--Bh-Lux-sitzender-MannBesser: Die Weiterfahrt von Luxor nach Assuan. Sie  verläuft etwas anders, als geplant. Mit warten.

und warten6501-Bh-Lux-Gesicht

6505_-Bh-Lux-Mann-in-ZugDer Touri-Zeitreisen-Zug fällt aus, angeblich weil Demonstranten die Strecke irgendwo bei Asuit blockieren.

6507_-Bh-Lux-Männer-im-ZugMit einigen Stunden Verspätung steigen wir in einen „normalen“ Zug. Eine wahrhaft zugige Angelegenheit angesicht fehlender Scheiben.

6520_Lux-As_FußballplatzImmerhin kann die Tür bei voller Fahrt geöffnet werden – für einige Momentaufnahmen. Ein Fußballtor im Nichts. Nillandschaften, immer wieder kleine Ortschaften, Kinder an den Bahngleisen. Ein stillgelegter Zug aus Zeiten, als das Öl noch sprudelte. Hier einige Eindrücke ohne Kommentar.

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6535-Feldarbeit-unterwegs6541-Schreddern6547-Junge-im-Zug-sitzend6551-Frau-und-Mann6556-spielender-Junge6555-Kaufläden6559-güterwagons-öl 6557-Laden-u-KinderNach vier Stunden verdichten sich die Dörfer zu Vororten. Assuan in Sicht, doch der Zug hält. Weiterfahrt unbekannt.

Wir springen vom Wagon und halten ein Minibus an, erreichen  sicher den Hafen am Nil zur Insel Elefantini – leicht zerzaust, verschwitzt und staubig.

150 Kilometer bis Damaskus

Wir fallen heraus aus dem Mittelmeer-Himmels-Blau. Die Landung auf dem Rafiq-Hariri-Flughafen Beirut, dessen Landebahn ins Meer hineinragt, ist weich. Mit an Bord sitzen vorwiegend syrische Frauen und Kinder, die der Mittelschicht zuzurechnen sind, zu erkennen an ihren zumeist glatten, hell gemusterten Kopftüchern. Syrien ist in diesen Tagen allseits präsent, nicht nur in den Flügen von uns nach Beirut, und längst nicht nur von und nach Damaskus. Sondern auch in den Straßen Beiruts angesichts von nunmehr einer Million Flüchtlingen. Und vor allen in den Köpfen, in Gesprächen, in den Medien. Wie ein riesiges Damoklesschwert schwebt Syrien in diesen Tagen über dem Libanon. Damaskus: Das sind 150 km hinter den Bergen des Libanon.

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Das nach dem Bürgerkrieg neu entstandene Zentrum ist nur bei Tag gut besucht. Nachts ist es ausgestorben, angesagt ist Hamra

Äußerlich ist alles gleich geblieben seit meinem letzten Besuch vor drei Monaten. „Wir haben das schönste Wetter der Welt“, empfängt mich der Fahrer der Agentur, doch seine Miene spricht eine andere Sprache. Ich frage nach. „Natürlich wir sind alle besorgt, aber wir sind guter Hoffnung“, versucht er mich einzustimmen.

Ich bin verabredet mit Sehem und Marie, die eine der größten Meinungsforschungsinstitute des Landes leiten. Was uns per se verbindet: Wir sind im gleichen Alter, wir alle haben Familien mit zwei Kindern. Wir verstehen uns, wir mögen uns, sind wie gute, befreudete Nachbarn. Zum Auftakt unserer zweitägigen Arbeit treffen wird uns in einem kleinen Restaurant dessen Plattform ins Meer herausragt, umsäumt von blau. Man sitzt auch gerne im Bikini und zeigt, was man hat. Hier das alt-neue Paris des Ostens, dort das prüde Ägypten. Kontraste einer Region. Jugendliche planschen an den Felsen. „Baden ist allerdings nicht ratsam“, meint Sehem. Doch man lebt heute und der nächste Badestrand ist weit, also was solls.

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Eine Kundgebung der Hezbullah in der Nähe des Messegeländes

Syrien und der Libanon: Es platzt regelrecht aus ihnen heraus, und sofort sind wir mittendrin. „Dass Hezbullah in Syrien kämpft, ist hier nicht das Problem“, beharrt Sehem auf meinem Einwand hin, dass Europa und die USA die Intervention in Qusair nicht gutheißen könnten. Allerdings macht es ihr Angst zu sehen, wie das Land immer tiefer hineingezogen wird, überall. Heute syrische Raketen, die in Baalbek einschlagen. Morgen vielleicht ein Anschlag im Süden oder hier im Zentrum. Zwei hundert Meter ist der Ort entfernt, an dem Rafiq Hariri 2005 in die Luft gejagt wurde – von der Hezbullah, wie man heute recht sicher weiß.

Eigentlich sollten sie eine Meinungsumfrage in diesen Tagen in Tripolis im Norden starten, doch wo wild geschossen wird, machen Umfragen wenig Sinn, also verschoben. Auftraggeber ist, wie ich erfahre, die Hezbullah. Sehem ist bekennende Sunnitin, Marie eine gläubige christliche Maronitin, ist da ein solcher Auftrag kein Problem, will ich wissen. Sie lächeln wissend. Nein. Die Hezbullah sei sogar ihr bester Kunde. Zahlt pünktlich, ist hochprofessionell und sehr gut organisiert. Ein Staat im Staat, der auch auf eine solide Meinungsforschung angewiesen sei. Und wenn der Westen sie zur Terrororganisation stempeln sollte, würde das hier niemanden wirklich interessieren, die Hezbullah am wenigsten. Sie sei nicht angewiesen auf den Westen, aber das Land ist angewiesen auf die Hezbullah. (Am gleichen Tag scheitert die Verurteilung der Hezbullah-Intervention in der Sondersitzung der Arabischen Liga am Veto Libanons.)

1993-SeilbahnblickNachmittags besuchen wir die Kongressmesse „Projekt Libanon“, auf der in drei Hallen die Baubranche sich ein Stell-Dich-Ein gibt. Auch Deutschland ist mit einem eigenen Pavillon vertreten. „Leider sind im letzten Augenblick fünf unserer Firmen abgesprungen“, beklagt der Vertreter des zuständigen Ministeriums. Das sind 30% Minus. Er versteht das nicht, auch das Auswärtige Amt habe schließlich keine Sicherheitswarnung erlassen. Doch das leicht Absurde des „Projekts Libanon“ ist auch von ihm nicht ganz von der Hand zu weisen. Der Bau lebt schließlich von dem Glauben in eine friedliche Zukunft. Die Türkei, im letzten Jahr noch der stärkste Aussteller, hätte sich weitgehend zurückgezogen. Der Einbruch der Branche sei heute unverkennbar.

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Gepanzerte Kolonnen – Alltag im Stadtzentrum

Wo Panzer rollen, muss man eigentlich nicht über energieeffizientes Bauen reden. Dass man es aber dennoch tut, dass auch Beharren sich letztlich auszahlt, hält solche Projekte am Leben. So überlebt Beirut seit Jahrzehnten und erfindet sich ständig neu. Ich rede mit libanesischen, belgischen, ägyptischen Marketingleitern. Das Geschäft könnte besser sein, natürlich, aber man sei zufrieden, die Geschäfte gingen ja weiter. Das Damoklesschwert Damaskus ist weit, viel mehr als 150 Kilometer entfernt, hinter einer doppelten Bergkette des Libanon.

Ich schaue beim Verlassen des Messegeländes hoch zum Kamm der betonbewaldeten Hügel Beiruts und nehme mir ein Taxi zur Ausgehmeile Hamra. Der Tag hatte es in sich. Gerne hätte ich ein wenig am Nachtleben des Hamra genippt, doch nach dem Nippen am zweiten frisch gezapften Bier bin ich zum Umkippen müde und überlasse das Feld den Besuchern der angesagtesten Pubs, Discos und Bars der Stadt. Ich nehme noch mit, wie die ersten Nachtschwärmer in edelsten Markenkarossen aus den Villenquartieren am Kamm heruntergeschwirrt kommen, alles laufstegerprobte Paare und Grüppchen. Man zeigt in Beirut gerne, was man hat. Kairo ist wo anders.

Am nächsten Morgen sind wir gemeinsam mit S. verabredet, die an einem Politikberatungsinstitut an der renommierten AUB (American University of Beirut) arbeitet. Wir treffen uns in der Mensa auf dem Campusgelände, das umringt von Hochhausschluchten des Hamra-Bezirks, eher in Pennsylvania stehen könnte, mit dem Flair des 19. Jahrhunderts in einer Kleinstadt wie Bryn Mawr, wo ich von einigen Jahrzehnten aufgewachsen bin.

Ich fühle mich also ganz zu Hause und wir kommen schnell zum Punkt, loten unsere Gemeinsamkeiten aus, besprechen, wie wir in den kommenden Monaten einen kleinen Dokumentarfilm auf den Weg bringen können. S. ist, wie alle, mit denen ich zusammenarbeite, direkt, unkomplizierter als Menschen in anderen Regionen des südlichen Mittelmeerraums, charmant.

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Downtown, rund um den Hamra

Nicht nur das Wetter, auch die direkte Offenheit ist eine logische Konsequenz der Umstände und Lebensgefühl. S. verabschiedet uns mit einem kleinen Klagelied von Teuerung und Flüchtlingselend und lächelt verlegen.

Vor den Toren der AUB lümmeln bettelnde syrische Kinder und Frauen. Beim Sandwich am Hamra diskutieren Marie und ich abschließend über die Frage, ob die Homoehe – nun in Frankreich und Deutschland rechtlich zugelassen – auch ethisch rechtens sei. Sehem muss früher gehen, weil ihr Ältester sich den Finger in der Schule ernsthaft verletzt hat. Es gibt auch andere Themen als Syrien. Und das ist auch gut so.

Die Bilder sind im letzten Herbst entstanden

Marcel

Zu Besuch im Sixth of October City

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Strassenhändler Dessert Road

Wann und wo genau der Abgesang Ägyptens eingesetzt hatte, wer wüßte das zu sagen? Für manche begann er unter Sadat. Ein „Dilettant“, wie Peter Scholl-Latour sagt, mag er nicht gewesen sein, aber an den Grundproblemen änderte er wenig und neue kamen hinzu. Doch 1979 ließ er zur Erinnerung an eine zu 40 Prozent gewonnene Schlacht gegen Israel die Satellitenstadt Sixth of October City (6oOC) gründen, 30 km vor Cairo, mitten in der Wüste. Viel Wasser wird aus dem Nil hochgepumpt, um die eingezäunten, bewachten Compound-Rasen von rund 500.000 Six-of-october-cityanern zu bewässern, Swimmingpools zu versorgen und komfortable Karorossen zu waschen.

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Compound Flower City

Die Compounds tragen traumhafte Namen wie „Swan Lake“, „Evergreen“, „Green village“ oder „Mountain view“, obwohl es eben so wenig Bergwiesen wie Schwäne gibt. Gebaut wird noch überall und das wird vorerst so bleiben bis irgendeinmal geplant vier Millionen Menschen auf 400 QKm leben können sollen, inklusive Industriezone, Medienstadt, Silikon Valley und 7 Universitäten. Auch BMW und General Motors haben hier ihren Sitz. Selbst an die Kleinen ist gedacht: Der riesige Freizeitpark „Dream Land“ grüßt uns nach 2-stündiger Anfahrt samt Achterbahn und Disneylandambiente, übrigens kurz nachdem man auf der „Dessert Road“ die Pyramiden von Giza hinter sich gelassen hat. Da soll jemand sagen, Ägypten hätte keine Gegensätze zu bieten.

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Pool im Compound

6oOC repräsentiert jedenfalls ein modernes, geradezu amerikanisches Ägypten und kommt dabei ganz ohne Andenkenshops a la Khan el Khalili aus. Vom einstmals besungenen „Zauber des Orients“ ist hier jedenfalls nichts, aber auch gar nichts übrig geblieben – so sicher das Eigentum, so schmuck die Häuser sein mögen, und so sauber die Compounddurchfahrtstraßen, die in der wüstig-heißen Nachmittagssonne entvölkert vor sich hin glühen. Wir wollen niemandem zu nahe treten, für den solche Vorzüge für die Wohnentscheidung maßgeblich sind.

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Parkplatz und wir

Am Wochenende sind wir noch einmal zu Besuch bei Kollegen und lassen uns die Chance zum Besuch der „Mall of Arabia“ nicht entgehen. http://www.mallofarabia.com.eg/ (mit virtual Tour!!!) Hierbei handelt es sich um einen von dem Saudischen Prinzen Fawaz Alhokair Group http://fawazalhokair.com/  finanzierten Groß-Mall, der vor allem global agierende Markenboutiken, Ambiente-Handware, Elektronikvorschrott und einschlägige Coffeshops nebst Kaufhaus und Kino beherrbergt, aber ohne Bethaus. Auch Autos kann man hier kaufen. Solche Malls gibt es inzwischen in jedem Land der Welt „von der Stange“, wahlweise in die Höhe oder in die Breite gebaut. In Saudiarabien hat der Prinz schon 13 Mega-Malls auf 1.2 mio Qm gebaut.

7356-FresshalleDer hier ist eingeschossig und macht sich entsprechend breit. In der Mitte mit Zirkusdauerkuppeldach und obligatorischem FastFoodFressFleck. Trotz des Preisniveaus (T-Shirt: 35 EUR, Cappuccino: 2,30 EUR) üben solche Institutionen auf Großfamilien mit voll verschleierten Müttern, Tanten und Großmüttern offensichtlich besonderen Reiz aus, überdurchschnittlich hoch ist ihr Anteil hier. 7365-Frauen-schoppenDas orientalische ist also noch da, wenn gleich eher verinnerlicht, zurückgezogen hinter schwarzen Stoffen, aber durch einen schmalen Sehspalt mit der Kunstlichtglitzerwelt verbunden – oder vereint.

7369_RAFünf km weiter entsteht gerade ein noch größerer Mall, und man darf gespannt sein, wann die dritte Kunsteinkaufsvergnügungswelt dazukommt, mit einer begehbaren Pyramidenkopie und Rotem Meer Tauchbecken Aquarium.

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Durchblicke

In den winkeligen Gassen des ältesten Kairoer Stadtviertels rund um den großen Bazaar Khan el-Kahlili staut sich die Hitze. Es ist inzwischen über 40 Grad im Schatten und die Wasserflasche ist ständiger Begleiter.  Wir sind auf der Suche nach Bayt el Suhaymi, einem 400 Jahre alten Haremshaus.  Ihm eilt der Ruf voraus, eines der best-renovierten Monumente islamischer Architektur zu sein mit kühlendem Innenhof, Zisterne, Mühle und Mashrabyias  – jene filigranen Gitterfenster aus Holz.  Schließlich galt es, die zeitweise über 40 Haremsdamen von Sheikh Ahmed as-Suhaymi standesgemäß unterzubringen.  Nach einigem Fragen stehen wir vor dem eindrucksvollen Gebäude. Wieder mal geht mir durch den Kopf, dass auch ein Jahr in Kairo längst nicht ausgereicht hat, um die vielen Gesichter der Stadt wenigstens nur einmal gesehen zu haben.  Heute jedenfalls sind die Mashrabyias dran. Wir wollen Fotos zu einer Broschüre des MED-ENEC Projektes zur Tageslicht-Steuerung machen. Die Mashrabyias sind Sonnen- und Sichtschutz zum einen: Die Haremsdame konnte unbemerkt einen Blick auf Versammlungsräume der Männer werfen oder das Leben auf der Straße verfolgen.  Da in den oberen Stockwerken stets die größeren und unten die kleineren Mashrabyias angebracht waren, sorgte dies für eine angenehme Luftzirkulation. Die  Mashrabyias an den Außenmauern sind in Ekerform angebracht, sodass sich der vorbeiströmende Wind darin verfängt. Die dicken Lehm-Mauern, die Steinböden aus abwechselnd weißem und schwarzem Marmor und die hohen Räume tun ein Übriges.  Wo ist dieses das Wissen um ein angenehmes Wohnklima ohne AC heute abgeblieben? Wie auch immer. Mashrabyias sind in ihren Licht- und Schattenspielen auch wunderschön. Wir genießen die Ein-, Aus- und Durchblicke.

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Women on Walls

Luxor hatte an jenem Tag mehr zu bieten als Tempel. Neben dem Hotel, in dem wir abgestiegen waren, entstand in der Nacht an einer freien Mauer ein Graffiti der Bewegung „Women on Walls“ (WOW). Die Aktion, die ich eher zufällig entdecke, beginnt am Abend mit einer Gruppe junger Frauen und Männer. Sie haben sich organisiert in der ägyptischen Frauenrechtsbewegung Bahaya Ya Masr. Diese feierte zum Internationalen Frauentag auf dem Tahrir-Platz gerade ihr einjähriges Bestehen. Geehrt wurden besonders Hend Nafea, Randa Samy und Fatma Khedr für ihren Beitrag zur Revolution in Ägypten.

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Die Grafitti-Aktion “Revolution Graffiti: Street art of the new Egypt” versteht sich als Bewegung.  Ähnliche Aktionen hat es in anderen Ländern gegeben, ausgehend von „Women on Walls“ in Israel. Das allerdings steht nicht auf der Webseite. Sie hat es geschafft, „mehr als dreißig Künstler in einer dynamischen Straßenkunstaktion zusammenzubringen“, erläutert Bahaya Ya Masr. Die Aktion in Luxor ist gut vorbereitet. 6482-Womanonwall-2

Was mir auffällt ist das Nüchterne, der die gesamte Aktion durchzieht. Die Vorlagen werden zügig angebracht, und nach dreißig Minuten beginnen die Künsterinnen mit den Malarbeiten. 6484-Womanonwall-3 Drei Jahre nach der Arabellion ist der Blick hoch zur Künstlerin auf der Leiter einen kurzen Moment lang skeptisch. Dann wird wieder betriebssam und konzentriert weitergearbeitet für eine Sache, die einen starken künstlerischen Antrieb hat.

In der „Egypt Independent“ wird berichtet: „During the project’s second phase, artists will visit each of the four cities Luxor, Mansoura, Cairo and Alexandria and design meaningful interpretations of women’s empowerment. 6486-Womanonwall-4

The aim is increasing women’s visibility and positively affecting the collective consciousness of each community.“

Nur wenige Passanten bleiben stehen und nehmen Kenntnis. Es ist nicht das Ziel, mit der Graffiti-Aktion selbst Aufmerksamkeit zu erregen. Die Künstlerinnen schaffen, ohne irgendeinen Einfluss von außen wahrzunehmen. Was zählt ist das Ergebnis, das Bild, das hinterlassen werden soll.spacer936405_593343740690054_926342085_n Am nächsten Morgen ist es zu sehen.

http://www.womenonwalls.com

http://www.egyptindependent.com/news/women-walls-campaign-empowers-women-street-art

https://www.facebook.com/events/431966720229187

von Marcel

Theben Ost und Theben West

Finanziert vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV erreichte die „königliche preußische Expedition“ 1842 Theben, genannt Luxor, fasziniert von den wichtigsten Überresten der altägyptischen Kultur. Der Leiter, ein gewisser Herr Lepsius,  erforschte aber nicht nur (als einer der ersten Archäologen) unter anderem die Gräber im Tal der Könige, sondern er bediente sich reichlich. Ganze Sääle und Salons in Berlin sind gefüllt damit und legen Zeugnis ab.

Wir machen uns die Mühe und sind mit dem Nachtzug aus Kairo angereist. Wir begeben uns unversehens zu Tempel von Karnak am Nordrand von Luxor, um zu sehen, was noch übrig ist. Es ist ein heißer Tag im April. Alan und Janis haben hin und wieder einen Schattenspender nötig.

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Gottlob gibt es inzwischen das Digitalmedium zum Mitnehmen der schönsten Ansichten einer seit Jahrhunderten geöffneten Dauerausstellung. Die Zeiten von Lepsius sind vorbei. Wir tauchen ein in eine vier, fünf Jahrtausende alte Welt der Symbolik, der Götterphantasie und Selbstinszenierung.

6342-Karnak-Hypostyl-gesamt6345-Karnak-Horus-HyroglyphRatselhafte Götterwelten sind es für unsereins allemal, denn unser Wissen um Sonnengott Ra und hunderte andere Gottheiten sind begrenzt. Hilfreich sind die Götterlexika im Internet, um sich die immer wiederkehrenden Zeichenkombinationen zu erschließen. Hier zum Beispiel der Horusname.

Karnak liegt am rechten Nilufer in der Stadt, also dort, wo die Sonne aufgeht – im Diesseits nach altägyptischem Verständnis. 6352-Karnak-gr-ReliefUnd riesig ist die Anlage. Wir wandern vorbei an gewaltigen Säulenhainen, einem künstlichen See und immer neuen Mauerformationen rund um den Obelisken.

6380-Obelisk-u-PalmenDieser eine ist geblieben, den anderen hatte Napoleon auf dem Place de la Concorde aufstellen lassen mangels geeigneter eigener Objekte.6374-Karnak-Säulen-mit-Mann6386-Karnak-Relief-Hyroglyp

Am Tag zwei begeben wir uns per Taxi nach Theben West. Dies ist der Ort des Jenseits, an dem die Sonne zur Reise in das Reich des Todes versinkt. Es ist ein Ort des Todeskultes, der in diesen Dimensionen in der Menschheitsgeschichte vermutlich ihresgleichen sucht. Nicht, dass wir den Anspruch hätten, in die Nuancen einzutauchen. Man bräuchte eine Woche oder länger, allein um die 30 oder mehr Grabkammern im Tal der Könige, davon einige Stollen mit über hundert Metern Länge, zu besichtigen. Wenn sie denn geöffnet hätten.6457-Sassi-i-Tal-d-Könige

Im Tal der König verläßt uns ohnehin die Kraft. Die meisten der Thumben sind verschlossen, weiß der Pharaonenhimmel warum. Stil des Hauses der Wächtergilde, vielleicht auch um das Angebot zu verknappen und am Personal einzusparen. 6459-i-T-d-Könige

Man erfährt es sowieso erst an der Einfahrt ins Tal und darf dann wählen. 3 Gräber für 50 Pfund die Person. Macht 25 Euro. Manches bleibt eben auch heute rätselhaft. Wie die Steinmosaike, unter denen vielleicht gerade hier noch ein unentdeckter Thumb schlummert voller Gold und anderer Reichtümer.

6400-Deit-el-Medina-ReinigeIn einem der Tempel wird gerade an den Reliefs gearbeitet, mit Borsäure werden Einschwärzungen beseitigt, die Besucher nach Gebrauch eines Lagerfeuers hinterließen. Einige Jahrzehnte sind vergangen zwar, doch überrascht es uns? Im übrigen haben auch die wenigsten Ägypter Luxor besucht, man hat es einfach und damit gut iss. 6410-el-Medina-Relief-eroti

Wir entdecken im Reich der Toten eine klar erotische Komponente, die weiterer Erklärung nicht bedarf. Ansonsten schlagen wir nach, um Götter und Herrscher zu entziffern, aber wir begreifen es einfach nicht: Wie war es möglich, dass die Baumeister von einem derartigen Perfektionismus inspiriert waren? Im Tempel zu Ehren von Amun, dem Sonnengott steht man weißgott fassungslos vor Sockeln, Statuen und Säulenhainen.

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6429-Amun-Tempel-3-Säulen6436-Amun-und-SchafsherdeViel ist nicht los im Tal der Könige, fast ein wenig verträumt wirkt der Tempel des Amun, als wir uns an seinem Eingang in einer Teestube erholen. Den Besuch des Tempels von Hatschepsut haben wir uns für den Schluss ausgehoben, als die Kraft der Sonne ihren Höhepunkt erreicht.

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Es sind dies Bilder wie sie millionenfach in den Erinnerungsalben von Besuchern zwischen Tokio und Sonstwo schmoren, gewiß. Um zu sagen: Wir waren hier, an diesem Ort, der sicher zu den beeindruckendsten überhaupt gehört. Wir verlassen das westliche Theben, an dem zwei riesige Kolosse stehen, mit dem Gefühl, kulturell nicht mithalten zu können. Hinter den Felsen irgendwo ist ein Tal, in dem sich die Könige ein Jahrtausend lang haben bestatten lassen. Ja, wenn es denn alles so einfach wäre.

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